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Eine person in einer Laborhalle steht vor einem Industrieroboter und einem Betonbauteil
Professor Martin Claßen im Labor des Instituts für Massivbau. © Andreas Schmitter.

Kreislauf statt Klimakiller: Beim Baukongress in Aachen rücken Wissenschaft und Praxis zusammen

Pressemeldung, RWTH Aachen University

Für die Teilnehmenden des Baukongresses wird es umfangreiche Einblicke in die neuesten Entwicklungen und Innovationen zu den Leitthemen Nachhaltigkeit, Automatisierung und Digitalisierung geben. Ein inhaltlicher Höhepunkt ist die Keynote von Professor Martin Claßen, Leiter des Instituts für Massivbau der RWTH Aachen (IMB) und gemeinsam mit Professor Viktor Mechtcherine von der TU Dresden Sprecher des Exzellenzclusters CARE. Im Interview schaut Claßen schon mal vorab auf die Zukunft des Bauens.

Worin zeigt sich der grundlegende Wandel der Baubranche derzeit besonders deutlich – und wo ist der Innovationsdruck am größten?

Der Wandel zeigt sich derzeit vor allem daran, dass das Bauwesen nicht länger nur über einzelne Baustoffe oder Bauwerke nachdenken kann, sondern über vollständige Material- und Wertschöpfungskreisläufe. Gleichzeitig steht die Branche unter enormem Druck: Sie muss klimaneutraler, produktiver und resilienter werden – bei stetig wachsendem Fachkräftemangel und alternder Infrastruktur. Der größte Innovationsdruck liegt deshalb an den Schnittstellen zwischen Digitalisierung, Automatisierung und Ressourceneffizienz. Besonders relevant sind neue Fertigungsprozesse, datengetriebene Planungs- und Monitoringmethoden sowie die Frage, wie wir bestehende Bauwerke länger nutzen und Materialien konsequent wiederverwenden können.

Neue Potenziale in Neubau und Bestand: Welche Entwicklungen eröffnen aktuell die größten Chancen?

Die größten Chancen entstehen derzeit aus einer intelligenten Verbindung von Neubau, Bestandserhalt und Reuse-Strategien. Im Neubau ermöglichen digitale Fertigungsmethoden, robotische Prozesse und neuentwickelte Materialien deutlich ressourceneffizientere Konstruktionen mit geringerem Materialeinsatz und höherer Präzision.

Im Bestand liegt enormes Potenzial darin, Bauwerke nicht vorschnell abzubrechen, sondern ihre tatsächliche Tragfähigkeit datenbasiert zu bewerten und gezielt weiterzuverwenden oder zu ertüchtigen. Mit der Wiederverwendung ganzer Bauteile und Tragstrukturen entwickelt sich außerdem der strukturelle Reuse von einer Nischenidee hin zu einem realistischen Zukunftsmodell.

Wodurch werden technologische Innovationen zur treibenden Kraft für mehr Produktivität in der Bauindustrie?

Das Bauwesen gehört bislang zu den am wenigsten automatisierten Industrien. Technologische Innovationen ermöglichen es, Planung, Fertigung, Qualitätssicherung und Betrieb digital miteinander zu verknüpfen. Besonders relevant sind robotische Fertigung, additive Verfahren wie der 3D-Betondruck, sensorintegrierte Bauteile sowie KI-gestützte Prozesse zur Auswertung großer Datenmengen. Dadurch lassen sich Bauprozesse präziser, schneller und ressourcenschonender gestalten. Das langfristige Ziel liegt in der Transformation von stark manuellen und projektbezogenen Abläufen hin zu industrialisierten, datenbasierten Produktionssystemen.

Impulse aus industrialisierten Branchen für Planung und Fertigung: Welche Ansätze lassen sich auf das Bauwesen übertragen?

Sehr viele Impulse kommen derzeit aus der Automobil-, Luftfahrt- und Produktionsindustrie. Entscheidend ist dabei aber die Anpassung an die hohe Komplexität und Individualität des Bauens. Das Bauwesen wird künftig stärker mit vorgefertigten, modularen und digital geplanten Komponenten arbeiten. Modulare Fertigungsansätze schaffen individuelle, digitale Prozessketten, robotische Präzisionsfertigung sowie ein stärker standardisiertes Qualitätsmanagement. Gleichzeitig werden Simulation, Sensorik und Echtzeitdaten essenziell, um Bauprozesse kontinuierlich zu überwachen und zu optimieren.

Welche neuen Impulse setzen Reuse-Strategien und Kreislaufwirtschaft derzeit für eine ressourceneffizientere Baupraxis?

Bisher wurden Bauwerke primär als zukünftiger Abfall betrachtet – künftig werden sie zunehmend als Materiallager verstanden. Durch Reuse-Strategien entstehen neue Ansätze für Planung, Rückbau und Konstruktion. Bauteile müssen identifizierbar, prüfbar und wiederverwendbar werden. Parallel entstehen neue digitale Methoden zur Erfassung von Materialdaten und zur Bewertung vorhandener Tragreserven bestehender Bauwerke. Kreislaufwirtschaft wird damit nicht nur zu einer ökologischen Notwendigkeit, sondern zunehmend auch zu einem technologischen und wirtschaftlichen Innovationstreiber im Bauwesen.

Presse Kontakt

  • Carolin Peschke
    B.Sc.
    Carolin Peschke
    Administration

    Science Communication Officer
    RWTH Aachen
    Lehrstuhl und Institut für Massivbau

    cpeschke@imb.rwth-aachen.de